AUS

Demokratisch gespalten – Wo bleibt die Menschlichkeit?

Gefühle brauchen ein Ventil

Immer wieder mache ich die Erfahrung, dass es ein Weilchen dauert, bis ich eine Situation in allen Details erfasst habe. Meine Reaktionen sind in der Regel gefasst, obwohl ich schon so etwas wie Irritation, Enttäuschung, Ärger und nahende Wut spüre. Aber die laufen irgendwo auf einer anderen „Platte“ in stark reduzierter Geschwindigkeit, während ich vordergründig ruhig und gelassen bleibe, zuhöre, antworte – wenn auch einsilbig, weil es im Hinterstübchen die andere „Platte“ gibt, die bereits läuft. Ich kann sogar lachen in so einer Situation, während ich mir Niederschmetterndes anhöre.

Macht Sie das nicht wütend, fragte mich einst eine Therapeutin, die, an meiner Stelle in Wut geraten war, rote Wangen bekam und ein „gefährliches“ Glitzern in den Augen hatte. Wozu, hatte ich zurückgefragt, Wut bringt ja nicht weiter, wirkt eher destruktiv und ist den Dingen daher in keiner Weise förderlich …
Sie meinte natürlich etwas anderes: Gefühle brauchen ein Ventil. Erst recht die Wut, oder sagen wir milder, der Zorn. Wer den dauerhaft schluckt, kann schlimm enden. Das will ich nicht, schlucke auch nicht, aber ich springe nicht aus dem Strumpf und dem anderen die Gurgel, wenn ich wütend bin. Erstens dauert es, bis die „Platte“ mit dem Wutlied schneller läuft, und zweitens bin ich in der Lage, der dann ggf. auftretenden Wut adäquat Ausdruck zu geben. Oder der Enttäuschung, dem Schmerz, what ever.

Es ist also AUS

War das zu erwarten?
Wer meinen letzten Beitrag „Ganze Arbeit“ gelesen hat, wird die Frage mit einem klaren Ja beantworten.
Hatte ich was anderes erwartet?
Fast hätte ich ein Ja getippt. Aber allmählich habe ich das Gefühl, in eine Glaskugel schauen zu können, Vorgänge, Ereignisse voraussehen, zumindest -ahnen zu können, und so muss ich sagen: Es war zu erwarten! Und: Nein.
Doch es war nicht die Unterhaltung, die ich gestern Abend noch geführt habe auf Bitten einer Kollegin aus der Musik, sondern diese hat die Richtigkeit meines Entschlusses lediglich bestätigt: Ich bin RAUS. Es ist AUS.

Keine Kurzschlusshandlung

…, sondern ein länger schon schwelender innerer Konflikt. Ein Schlingerkurs, den sicher sehr viele seit zwei Jahren mit sich selbst fahren. Es ist ein Hin und Her zwischen Hoffen und Bangen, zwischen ganz leise sich freuen und doch wieder enttäuscht werden. Aber die Hoffnung ist zäh, die stirbt angeblich zuletzt. Meine wurde jetzt erstickt wie ein Topfbrand, indem man schnell mittels Schließen des Topfdeckels dem Feuer den Sauerstoff entzieht, und zwar durch zwei dicht aufeinander folgende Ereignisse.
Ereignis 1: Schwachsinnige, mehr als doppel- und dreifachbödige Regeln in Sachen Corona bei einem Workshop. Die Regel lautet: 2G-Plus plus täglichem Test UND, wer sich von der Bildungseinrichtung entfernt (extern Essen gehen oder Spazieren oder …), kommt nur mit einem erneuten Test wieder rein. – Ich war geschockt! Geht’s denn noch? Und on the top kommt noch, dass die Bildungseinrichtung selbst den Zugang mit 3G gewährt, was ja eher problemlos ist, und das schon seit längerem vor den sogenannten Lockerungen seit Ende Februar.
Ereignis 2: Proben darf man eigentlich bereits unter 3G. Doch der Ruf des Orchesters blieb bislang aus. Gestern gab es eine „demokratische Abstimmung“. In Gemeinschaften ist das nach meiner Auffassung absolut richtig. Die Abstimmung fiel zugunsten 2G. – Der eine hat beispielsweise Angst und sich nur für das „Allgemeinwohl impfen lassen“, was der Blödsinn schlechthin ist und auch nicht ehrlich, denke ich. Andere sind verunsichert, und dann fand die „Demokratie“ bei der Abstimmung so statt, dass nach 2 Händen, die für 2G in die Höhe gingen, sich alle umschauten und weniger überzeugt und sehr zögerlich ihre Hände ebenfalls hoben. Der Mensch ist halt ein Rudeltier!!!

Ich hätte diese beiden Informationen eigentlich gar nicht mehr gebraucht, um meine Entscheidung kundzutun. Ja, kundzutun, denn getroffen war sie seit mindestens einem knappen halben Jahr. Doch ich mag keine Schnellschüsse, insbesondere, wenn es sich um Dinge handelt, die mir sehr am Herzen liegen. Aber jetzt verlasse ich diese Gemeinschaft und gehe einen eigenen, neuen musikalischen Weg. Den Entschluss kundzutun, fühlt sich befreiend an. Das Hin und Her hört auf. Ich kann mich wieder auf Wesentliches besser konzentrieren und mich mit aller Kraft in Richtung Zukunft bewegen – auch und erst recht musikalisch 🎵🎶

Gedanken

Anscheinend mache nur ich mir solche Gedanken, stelle ich häufig fest. Ich drehe und wende eine Sache, analysiere, hinterfrage (alles, jeden und mich selbst) und kann in fast jeder Angelegenheit erst dann eine klare Position beziehen und diese nach außen vertreten. Das ist vermutlich das Gute daran, dass meine „Platte“ mit den Emotionen eher im Hintergrund auf geringer Geschwindigkeit läuft, anstatt dass die Plattennadel im Molto Furioso errötend heißläuft. Es ist besser, der Vulkan dampft, pufft und röchelt, als dass er explodiert und Lava fliegt.

So kamen die Gedanken erst, nachdem ich gestern den Hörer aufgelegt hatte. Erst dann überfluteten mich Traurigkeit, Fassungslosigkeit über das Geschilderte, Gehörte. Fast Entsetzen fühlte ich über die Dummheit, die aus Desinformation der Abstimmenden, deren mangelhafte bis fehlende Reflexion zum Thema (Corona, Maßnahmen, 3 G oder 2 G usw.) und die nicht existierende Empathie. Kopfschütteln!
Es wird so schön gesagt „nimm es nicht persönlich“. Aber das ist doof. Denn meistens ist es persönlich, was wir persönlich nehmen. Wer seiner Wahrnehmung noch vertraut, wird das nicht infrage stellen. Und so nehme ich persönlich, was mir zu Ohren kam. Dass „jemand Angst hat“ … ja, denn vor mir muss er sich fürchten, ich bin ja ungeimpft. Welches Gefühl entsteht in euch, wenn jemand sagt, dass er sich vor euch fürchtet?
Ich finde, es ist ein ganz schrecklicher Gedanke und ein noch schlimmeres Gefühl.
Jedenfalls kamen mir so nach und nach Argumente in den Sinn, mit denen ich meine Austrittserklärung aus diesem Verein hätte ergänzen können. Und während mein Hirn die Gedanken drehte und wendete, die Worte setzte, die ich so eins zu eins hätte schreiben können (worüber meine Nachtruhe im Eimer war), widersprach mein Bauchgefühl und sagte mir: Nein. Lass es, das ist Zeit- und Energieverschwendung. Du kannst anderen Menschen ihre Angst nicht ausreden oder sie wegargumentieren. Du regst bei den anderen nicht einmal zum Nachdenken an, denn das Denken, das sie eigentlich selbst können sollten, haben sie vor langer Zeit anderen überlassen. Wie vieles andere auch.

Wie soll sich noch etwas ändern?

Es ist durch die Abstimmung nicht nur Ablehnung klargeworden, sondern auch die Spaltung vollzogen. Demokratisch, versteht sich, was es nicht minder schlimm macht. Und ich nehme das persönlich.
Ich hätte in dem gestrigen Telefonat schon sagen können, vielleicht auch sollen, dass es völlig egal ist, was sie noch beschließen per „demokratischer Abstimmung“, weil ich bereits raus bin. Immerhin pflege ich zu dieser Kollegin ein auch fast freundschaftliches Verhältnis. Aber mir blieben die Worte im Hals stecken, der Bauch hielt sie schließlich ganz fest. Ja, wahrscheinlich wollte ich vermeiden, dass sie versucht, mir meinen Austritt aus dem Orchester auszureden. Das hätte sie mit Sicherheit versucht. Erfolglos! Aber so eine Diskussion vor dem Schlafengehen tut mir nie gut, also schwieg ich. Sie wird, wie alle anderen, aller Voraussicht nach am Dienstag erfahren, was ich getan habe: Einen Brief an den Vorstand geschrieben (in dem ich lediglich meinen Austritt zum Ende des Jahres verkünde und mich für eine überwiegend gute Zeit bedanke) und die Noten sorgfältig verpackt, alles per versichertem Paket an die Vereinsadresse geschickt.

Es erscheint mir ebenso abstrus, dass durch die Änderung von Regeln, die Virenlast bei Un“geimpften“ plötzlich verschwunden, zumindest reduzierter sein soll, wie die Möglichkeit, dass die Angst und die Bedenken der Ge“impften“, die sich jetzt für 2G entschieden haben, sich in Wohlgefallen auflösen und man mich wieder herzlich umarmend willkommen heißt. Fast so, als wäre nix gewesen!
Circus Maximus! 🥳

Aber es schmerzt zu sehr! Schon im vergangenen Jahr, als ich bis zum 20.11. noch mitproben durfte, schwebte diese eigenartige Atmosphäre durch den Probenraum, lag Bedrückung über allem, die lediglich aufgehoben wurde im Gespräch – komischerweise dann sogar maskenfrei und dicht an dicht beieinander stehend. – Circus … 🙃
Und bei einer Wochenendprobe mit Übernachtung, also inklusive Einnahme gemeinsamer Mahlzeiten, war es auch kein Problem, „wie früher“ zusammenzusitzen. Nicht einmal der Angsthase hielt Abstand von mir Un-„Geimpfter“, maskenfrei im Übrigen. Was hat die Angst dieses Zeitgenossen nach 1 x und 2 x „Impfung“ plus „Boostering“ derart vergrößert, dass er mir mit seinem Votum für 2G jetzt die Teilnahme am Proben verweigert? – Circus Maximus!
Was muss ich von Menschen halten, denen der Impfstatus einer Mitspielerin wichtiger ist als deren spielerische Qualitäten? Ich meine, ich gehe da hin, weil ich Musik machen möchte. Ich gehe da hin, weil ich die Welt insbesondere im aktuellen Dauerchaos, draußen lassen will! – Doch viel zu oft verließ ich im letzten Jahr eilends die seltsame Atmosphäre, stieg in mein Auto und suchte Distanz, um wieder frei zu atmen. Und nicht nur einmal, sondern bestimmt tausend Mal stellte ich mir die Frage, ob ich mit Menschen, die so denken, fühlen, urteilen, verurteilen, spalten überhaupt noch etwas zu tun haben möchte. Mir fiel die Spaltung zwischen solchem Denken und der Musik immer schwerer. Die Musik verband immer weniger, weil ich innerlich immer verkrampfter wurde. Vielleicht bin ich ja übersensibel, dass mich diese Schwingungen so belasten. Aber ich bin ich.
Wie sich noch etwas ändern soll? Ich denke, gar nicht mehr.
Das Vertrauen ist dahin.
Die Unbefangenheit fehlt.
Die Leichtigkeit ist gestorben.
Das alles schadet der Kunst 😢

Rettung

Der Blick in eine neue Zukunft bewahrt mich davor, nun in Depressionen zu verfallen. Es ist jetzt wichtiger denn je, die Gedanken mit Licht zu erfüllen und sich eine neue Zukunft, eine andere Welt zu gestalten. Menschlich wie musikalisch schlage ich eine neue Richtung ein. Ich bin überzeugt, das ist die einzige Rettung.

Und der Welt wünsche ich, sie möge schlauer werden für die Zukunft

Bild von kalhh http://www.pixabay.com

5 Kommentare zu „AUS

  1. Welches Gefühl entsteht in euch, wenn jemand sagt, dass er sich vor euch fürchtet?
    Dann hat derjenige für mich ein Problem mit sich selbst. Angst ist ein schlechter Ratgeber, in jeder Situation.
    Ich habe vor längerer Zeit mal einen Film gesehen. Die Frau hat sich immer gefragt, ist das stimmig in meinem Bauch. Da ich auch oft mit dem Verstand reagierte, versuche ich jetzt immer meinen Bauch zu fragen. Ist das stimmig für mich, egal was andere denken? Man verliert einige Freunde ???? dabei. LG

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    1. Ja, leider verlieren wir Freunde. Inzwischen frage ich mich, ob das dann wirklich Freunde waren.
      Folgen wir unserem Bauchgefühl, erscheinen wir manchen Menschen sogar suspekt. Intuition? Eine gute Freundin fragte mich das. Sie könne ihrer nicht vertrauen … Schade für sie. Für mich jedoch wird sie, je älter ich werde, immer zuverlässiger. Sie ist die beste Freundin, denn sie ist vor allem ehrlich, uneigennützig und klug. UND: immer bei mir.
      Liebe Grüße von Wilma

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  2. Das Hin und Her hört auf. Ich kann mich wieder auf Wesentliches besser konzentrieren und mich mit aller Kraft in Richtung Zukunft bewegen – auch und erst recht musikalisch 🎵🎶
    Rettung

    Der Blick in eine neue Zukunft bewahrt mich davor, nun in Depressionen zu verfallen. Es ist jetzt wichtiger denn je, die Gedanken mit Licht zu erfüllen und sich eine neue Zukunft, einen andere Welt zu gestalten. Menschlich wie musikalisch schlage ich eine neue Richtung ein. Ich bin überzeugt, das ist die einzige Rettung.

    Wo eine Tür zufällt, geht eine andere Tür auf. So ist das Leben. LG

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    1. Und manchmal öffnen sich sogar gleich mehrere 🙏💕 Plötzlich zeigen sich Optionen, an die man noch nicht gedacht hatte, und man begegnet Menschen, die dann unseren neuen Weg bereichern können … Das Leben ist schön.
      Liebe Grüße
      Wilma

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