Free Spirit

Wer ist denn das? Oder besser: die?

Robina Hoodley steigt auf ihren treuen Schimmel Borderline und gibt ihm die Sporen. Die Vorräte sind aufgebraucht. ‚Nun‘, dachte sie, ‚essen muss der Mensch …‘
Der Weg durch die Wälder ist gewohnt schön und einfach. Vor allem erspart es ihr, die Grenze von Merkelforrest nach Orangewood unbemerkt zu übertreten. Meistens bemerkt sie es selbst nicht. Borderline kennt den Weg …

Mit dem Zug in die „Ost-Zone“

Merkelforrest erinnert mich gerade an Honnecker-Land …
Ich war 14 und reiste zu Verwandten in die DDR. Allein. Ich hatte einen dicken Koffer für einen 3-wöchigen Ferienaufenthalt bei meiner Cousine und mein großes Akkordeon als Gepäck dabei. Meine Eltern setzten mich vor der Grenze in den Zug, der mich nach Erfurt bringen würde.
Grenze.
Kontrolle.

Es war ein Horror für mich, und ich werde weder diesen Tag noch die Gefühle vergessen, die ich während dieser Kontrolle erlebte, und die mich über die Zeit meines Aufenthalts nicht verlassen wollten. Es war eine Frau, die in Begleitung zweier Grenzsoldaten forderte, dass ich 1. den Akkordeonkoffer öffne und 2. meinen schweren Reisekoffer Stück für Stück für Stück auspacke. Ich war völlig eingeschüchtert, ängstlich, aufgeregt und tat selbstverständlich, was sie von mir verlangten. Jedes Kleidungsstück holte ich heraus, legte es auf die gegenüberliegende Sitzbank und war die ganze Zeit den Argusaugen dieser Frau in Uniform ausgesetzt. Als im Koffer nichts mehr lag, fragte sie mich nach Zeitschriften. Die Frage hatte ich schon anfangs verneint. „Ja, dann“, meinte sie nur, „können Sie die Sachen wieder einpacken.“

Erleichtert war ich nicht.
Es war heiß draußen und im Zugabteil, und ich musste alle Sachen, die meine Mutter sorgfältig in den Koffer gepackt hatte, möglichst so wieder einpacken, dass ich den Koffer schließen konnte. Ein fast unmögliches Unterfangen, das mir bis zur Einfahrt nach Erfurt eher schlecht als recht gelang. Schweißgebadet kämpfte ich mich mit dem schweren Gepäck aus dem Zugabteil.
Mein Onkel holte mich ab. Immer noch keine Erleichterung, denn der war auch wie ein Soldat, eher furchteinflößend. Ich vermied meistens den direkten Kontakt, und ein persönliches Gespräch sowieso.

Es folgten zwei Wochen (nur) von geplanten drei, die ich mit meiner Cousine nicht wirklich genießen konnte. Ich schrieb mehrfach an meine Mutter, bat darum, früher nach Hause kommen zu dürfen. Ich schrieb von Heimweh. Aber Heimweh war das nicht. Ich hatte nackte Angst, man würde mich aus Honnecker-Land nicht mehr rauslassen.

Zeiten ändern sich – manche kehren wieder

Diese wahre Geschichte kann ich nie vergessen, und gerade in diesen Tagen (was sage ich „TAGEN“???) ist sie frisch belebt und triggert die alte Angst des Eingesperrtseins.
Man kann aus Merkelforrest ausreisen, aber man wird (ggf.) daran gehindert, wieder einzureisen, falls man nicht bereit ist, sich dem Diktat von Test und/oder BeSCHEINigung zu unterwerfen. Weil man sich seines gesunden Menschenverstandes bedient, der einem sagt, dass dieser ganze Zinnober völlig übertrieben, absurd, und schlicht blöd ist. Aber das haben zu Honneckers Zeiten in der DDR nicht wenige Menschen gedacht, hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen oder flüsternd in den eigenen vier Wänden, wenn sie sicher sein konnten, dass die Anwesenden genauso dachten und keine Spitzel waren … Das haben auch Soldaten der Volksarmee der DDR (hießen die so?) mitunter gedacht. Das ist keine Vermutung, das weiß ich sicher.
Jetzt begreife ich noch einmal deutlicher, welche Befreiung die Wende für die Menschen der DDR bedeutete.

Wann gibt es bei uns die „WENDE“?

Robina Hoodley hat Vorräte beschafft und ist nach Hause zurückgekehrt.
Sie musste nicht Wegelagern wie einst ihr sagenumwobener Cousin… aus dem Weg gehen. Den Ausflug mit ihrem Schimmel Borderline genoss sie, denn die Sonne schien durch die noch nicht ganz belaubten Baumkronen. Die Orangewood-Bewohner waren wie stets freundlich, aufgeschlossen und entspannt. Der Rückweg fiel dem nicht mehr ganz so jungen Borderline ein bisschen schwer, weil Robina die Satteltaschen so vollgestopft hatte. Aber sie hatte es ja nicht eilig …
Vor allem begegnete sie nichts und niemandem, der sie aufhalten wollte.

Borderline steht wieder im „Stall“.
Die Vorratskammer ist gefüllt. Mindestens zwei Wochen reichen die Lebensmittel.

Foto von rihaij www.pixabay.com

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