Kommunikation und Stimmungslage

„… eine Verschärfung der Maßnahmen …“
„… härtere Regelungen …“
Die Liste von derartigen Formulierungen könnte noch viel länger sein.

Kommunikation beeinflusst das persönliche Wohlbefinden

Seit Jahren schon stehe ich auf dem Kriegsfuß mit der herrschenden Kommunikation zwischen manchen Firmen und Behörden mit dem Verbraucher bzw. Bürger. Erhalte ich beispielsweise einen Brief vom sogenannten „Beitragsservice“ oder vom Ordnungs- oder Finanzamt, finden sich im Text spätestens ganz unten die Hinweise darauf, was mir DROHT, falls … und das in einer Art und Weise, dass ich mich schon im Vorfeld wie ein Verbrecher fühle. Weder habe ich eine notwendige Zahlung angezweifelt noch verweigert, aber die vorsorglich (?) dargestellten Konsequenzen von möglichem, und offenbar erwartetem, Fehlverhalten lassen in mir ein Gefühl von Angriff seitens der Absender entstehen.

Zu sensibel?

Mag sein, dass ich empfindlich bin. Dennoch weiß ich, dass ich damit nicht allein bin. Es geht vielen Menschen so. Und was heißt denn bitte „zu sensibel“?

Ich beherrsche die deutsche Sprache und ich weiß um die Möglichkeit der Kommunikation, die zur Zusammen- und Mitarbeit auffordert oder einlädt, ohne dass einem böse Konsequenzen angedroht werden. Ich weiß auch um jene Leute, die sich um derartige Schreiben nicht die Bohne kümmern, die es einfach nicht interessiert, was man von ihnen verlangt, die sich über alles hinwegsetzen. Denen ist aber auch mit einer scharfen Kommunikation und der Androhung von üblen Konsequenzen nicht beizukommen.
Ich will mich einfach nicht mit denen in eine Kategorie packen lassen, und deshalb reagiere ich empfindlich, habe immer das Gefühl, man unterstellt mir vorsorglich schon mal eine böse Absicht.
Die überwiegende Mehrzahl der Menschen, zu der ich mich auch zähle, ist zur Mitarbeit bereit, ein nicht unerheblich großer Teil von ihnen braucht keinerlei Erwähnung von Konsequenzen – eben ich. Der kleinere Teil braucht es nicht in scharfer, von vornherein unterstellender Art und Weise; die Menschen, die diesem kleineren Teil zuzuordnen sind, brauchen nur manchmal eine Erinnerung, weil sie eben auch schon mal etwas vergessen. Wir sind ja alle nur Menschen. Man muss uns nicht grundsätzlich etwas androhen!!!

Stimmungslage im Volk

Da komme ich zur Berichterstattung und der Kommunikation der Nachrichtensprecher bzw. Politiker. Dass Einschränkungen der persönlichen Freiheit unerfreulich bis höchst ärgerlich stimmen, dürfte vollkommen normal sein. Dass der Zeitraum, in dem das stattfinden muss (?) inzwischen schon gefühlt eine Ewigkeit währt, lässt viele inzwischen traurig, depressiv, aggressiv, einsam, wütend, (ver)zweifel(t)nd … sein.
Die Politiker sprechen von „Verstehen“ und „Verständnis“ für die Bürger, bedienen sich aber eines Vokabulars, das dem „Klang“ der Behörden- und mancher Firmenschreiben gleichkommt und keineswegs zur Mitarbeit auffordert bzw. einlädt. „Maßnahmen verschärfen“, „Kontrollen verschärfen“, „Regelungen drastisch durchsetzen“ … mir wird ganz übel, wenn ich das höre.
Warum kann eine Mitteilung nicht wie folgt formuliert sein?

„Aufgrund der besorgniserregenden Zunahme von Infektionen, sehen wir uns gezwungen, die Vorsorgemaßnahmen für die Bürger zu verstärken.“

Die Botschaft ist im Grunde genommen ja dieselbe. Aber die Wortwahl in der Kommunikation erzeugt eine andere Stimmung. Wörter wie „Besorgnis“ und „Vorsorge“ wirken eben anders als „Schärfe“. Das Wort „scharf“ hat nicht nur einen harten Klang, es wirkt bedrohlich. Im Kontext der Meldung wirkt es schmerzhaft, beschwört Unruhe und Sorge, Angst und nicht zuletzt erhöht es die Verärgerung und Wut all derer, die zwar nicht an der Gefährlichkeit des Virus zweifeln, die aber sehr gut in der Lage wären, sich selbst und andere zu schützen.
Und ich muss es noch einmal anmerken: Wer nicht verantwortungsbewusst und „sittlich reif“ handelt (wie Frau Bundeskanzlerin es in ihrer für sie untypisch leidenschaftlichen Rede formulierte) und sich rücksichtsvoll und umsichtig verhält, gehört m. E. zu jenen, die schon in Urzeiten in einer Gruppe die Schwachen waren (heute wohl eher die Unbedarften und Dummen), die eben so einem Virus zum Opfer fallen, wenn sie sich nicht bewusst selbstschützend und rücksichtsvoll verhielten. Wobei sie nicht zwingend nach einer Infektion daran erkranken, nicht unbedingt so erkranken, dass sie ins Krankenhaus müssen und auch nicht so schwer darniederliegen, dass sie intensivmedizinisch versorgt werden müssen.
Insofern mich auch die Zahl von über 4.000 Menschen, die auf Intensivstationen wegen Covid 19-Erkrankungen behandelt werden, gerade nicht in Panik versetzt, verfügt Deutschland doch vorbildlicherweise über 30.000 Intensivbetten und könnte innerhalb kurzer Zeit weitere „aus dem Boden stampfen“. Dass die Kliniken nun den Meldungen gemäß „am Limit sind“ … daran zweifeln viele.
Aber bevor ich mich jetzt weiter verlaufe in diesem Thema und meine Anmerkungen am eigentlichen Thema dieses Beitrages völlig vorbei gehen, zurück zur Wirkung der Kommunikation auf das persönliche Wohlbefinden bzw. die Stimmungslage in einer Bevölkerung.

Die Wortwahl und die Formulierung machen’s

Hört euch doch mal um, wie die Menschen ganz allgemein miteinander sprechen. Ganz davon abgesehen, dass vieles was so geplappert und gequasselt wird, kaum einen Informationsgehalt hat, hat sich die Kommunikation in den zurückliegenden 20 Jahren sehr stark verändert. Zum einen ist das den Kurzmitteilungen zuzuschreiben, die oft per Smartphone oder iPhone ausgetauscht werden. Obwohl man sich heutzutage nicht mehr so sehr beschränken muss, weil es Flat-Rates gibt, haben die Menschen sich einen Schreib- und Sprachstil angewöhnt, der kurz und knapp ist. Eigentlich (!) sollte er deshalb klar und deutlich und auf den Punkt gebracht eine Information weitertragen. Tut er aber oft nicht, weil es meist an Worten fehlt. Der Wortschatz ist zusammengeschmolzen. Wie schade.

Außer dass die „falsche“ Wortwahl, den Empfänger empfindlich verletzen könnte, sorgt der Wunsch nach kurz und knapp für zahllose Missverständnisse. Man möchte sich eigentlich nicht missverstanden fühlen, und der Empfänger ist durchaus bereit, nicht misszuverstehen. Und doch passiert das am laufenden Band. Hier kommt nämlich das Gefühl ins Spiel.

Jedes Wort, jeder Satz, jeder Text hat einen gewissen Klang. Wer nur ansatzweise über ein gewisses Sprachgefühl verfügt, kennt das. Auch in den kurzen Mitteilungen schwingt also etwas, das wir fühlen können. Die „falsche“ Wortwahl bzw. die Kombination „falsch“ gewählter Wörter, die einen Satz bildet, kann einen so verkehrten Klang im Gefühl des Empfängers erzeugen, dass der die Nachricht in den völlig falschen Hals kriegt.
Ich habe so viele Wortgefechte zwischen zwei Menschen via WhatsApp miterlebt … ich konnte oft nur den Kopf schütteln.

Mein Tipp hier: Redet miteinander. Wenn nicht persönlich von Angesicht zu Angesicht, dann wenigstens telefonisch. Was man auf der kleinen Tastatur an Text eintippt, hat man in viel kürzerer Zeit gesprochen. Die Stimme hat, je nach Botschaft, immer den richtigen Klang. Und so kann selbst beim „Vergreifen im Wort“ am Klang der Stimme erkannt werden, ob sich der Empfänger z. B. angegriffen fühlen muss oder nicht. In einer sofortigen verbalen Entgegnung kann er das hinterfragen, bevor er sich aufregt.

Mein Wunsch an Menschen, die öffentlich kommunizieren

Achtet auf eure Wortwahl.
Hört euch mal selbst zu, wenn ihr eure Text für eine öffentliche Mitteilung verfasst.
Wer keine Aggression erzeugen will, sollte sich einer entsprechenden Sprache bedienen.
Wer Menschen zur Mitarbeit bewegen will, sollte sie eher begeistern oder – wie in einer Krisensituation erforderlich – durch die richtigen Worte in ein Boot holen.

Dafür muss man nicht studiert haben. Es reicht, einen großen Sprachschatz zu pflegen und aufmerksam zu sein für das, was auch gefühlt richtig ist. Also empathisch zu sein.

Foto von Gert Altmann, pixabay.com

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