Ein schöner Nikolaustag

Das Leben ist verflixt nochmal schön.
Höre ich Gegenstimmen?
Ah, ja. verstehe.
Ich sehe ein, dass man über meine Ansicht geteilter Meinung sein kann. Ich ändere ein Wort und sage: Mein Leben ist verflixt nochmal schön. So jedenfalls habe ich es gestern wieder einmal ganz bewusst empfunden.

Es bemerken

Erst um 9 Uhr morgens aufzuwachen und mich rundum frisch und erholt zu fühlen, kommt nicht so oft vor. Meistens wache ich zwischen 5 und 6 Uhr morgens das erste Mal auf, kann mich genüsslich auf die andere Seite drehen und stehe gegen 7 halb 8 auf. Aber gestern erwachte ich tatsächlich erst um 10 vor 9. Dem Erstaunen folgte ein Gefühl tiefer Zufriedenheit.
Nikolaustag … ok, niemand stellt mir ein Stiefelchen mit Süßigkeiten vor die Tür. Aber das ist ja auch eher was für Kinder, und ein Kind bin ich längst nicht mehr.
Meine Süße bestand darin, mich auf den Tag zu freuen. Ich nahm Bob und Billy mit ins Wohnzimmer und bereitete das Frühstück. Kaffeeduft, der den Raum erfüllt, liebe ich sehr. Dazu kommt ein Müsli. Das Ganze genieße ich – und zwar täglich – in totaler Gemütlichkeit. Zurzeit zünde ich sogar eine Kerze an. Eine Wolldecke liegt bereit, und manchmal lege ich die Füße hoch.
Mein Blick wanderte nach draußen, wo es herbstlich trüb und kalt war. Kein Luftzug bewegte die wenigen Blätter, die noch an den Zweigen hängen. Ein Stillleben. Und diese Stille nahm ich bewusst auf, aber die Kälte blieb draußen, denn hier drinnen war’s warm.

Zufriedenheit durch Wohlbefinden.
Aber man muss es bemerken. Wer nicht aufmerksam ist, dem entgeht so etwas.

Aufmerksamkeit

Die Voraussetzung, etwas bewusst wahrzunehmen, ist Aufmerksamkeit. Wenn mir nicht auffällt, dass mich Wärme und Gemütlichkeit umgeben, nehme ich das nicht wahr.
Meine Aufmerksamkeit ist im Laufe der Jahre immer bewusster auf mein unmittelbares Umfeld ausgerichtet. Ich stellte irgendwann fest, dass die große weite Welt mit allem, was sich in ihr ereignet, und was uns Menschen vor allem über die Medien direkt in unser Zuhause geschwemmt wird, mich nicht betraf. Die zahllosen Informationen, die ich hörte und sah, beeinträchtigten meine Aufmerksamkeit für das Wesentliche. Ich bin sehr froh und dankbar, dass es mir sehr schnell bewusst wurde; so konnte ich gegensteuern.

Das Wesentliche ist nämlich mein unmittelbares Umfeld. Wenn bei einem Busunglück in Indien eine Handvoll Menschen leider ums Leben kommt, ist das tragisch. Aber weder kannte ich die Menschen noch den Busfahrer noch war ich je in Indien, um irgendeine Verbindung zu diesem Ereignis zu haben. Warum war es den Medien eine Nachricht wert, die teure Sendezeit kostet?
Ein Hausbrand nur zwei Straßen weiter, von dem Menschen betroffen waren, die ich kenne, berührt mich hingegen sehr. Und ich war froh, helfen zu können. Das einzige Medium, das darüber berichtete, war das örtliche Wochenblatt. Und selbst dies wäre nicht nötig gewesen, denn im unmittelbaren Umfeld wussten wir es alle, fühlten mit den Hausbewohnern, halfen und trösteten. Das ist Leben.

In Zeiten wie diesen, um mal bei der inzwischen viel gebrauchten Formulierung zu bleiben, ist meine Aufmerksamkeit verstärkt auf mein direktes Umfeld ausgerichtet. Würde ich sie auf die täglich mehrfachen Berichterstattungen zu der steigenden Anzahl von Covid 19-Toten und den – wie ich nach wie vor finde – oft nicht zu den gestellten Fragen passenden Kommentaren/Antworten von Politikern ausrichten, wäre ich rasch in einer Strömung von Sorge, Angst sogar und Missmut. Eine Stimmungslage, die mir von vielen Menschen entgegenschlägt.
Aber genau das will ich nicht. Mich davor zu schützen, wie auch vor einer Ansteckung mit irgendwelchen Viren, liegt allein in meiner Hand.

Es funktioniert

Obwohl es nicht so schön wurde, das Wetter, wie ich es erhoffte. Tags zuvor hatte ich noch wunderschöne Fotos im Sonnenschein machen können, und glaubte, auch der 2. Advent könnte so schön sein. Doch er wurde es nicht. Zunehmend verfinsterte sich der ohnehin schon grau-dunkle Himmel und es nieselte ganz leicht. Egal, dachte ich, raus muss ich. Gegen das Nass von oben kann ich mich schützen: Regenjacke und notfalls auch einen Schirm hatte ich verfügbar. Ich brauchte aber beides nicht. Pünktlich als ich losging, stellte Petrus den feinen Regen ein.

Mit großen und schnellen Schritten kam ich voran, ging in den Wald, atmete den modrigen Duft von nassem Laub auf feuchtem Waldboden. Es tropfte in der Stille lautstark von allen Bäumen. Plopp, plopp, plopp … und mancher Tropfen traf meine Jacke und die Mütze, die ich auch trug, denn die Temperaturen lagen bei nur 3 Grad.
Menschen begegnete ich. Meistens Hundehalter auf einem Spaziergang. Den Hunden machte das Wetter nichts aus. Eine 87-jährige Dame, die mir bereits tags zuvor begegnete, traf ich wieder. Weil ihr Spaniel mich am Samstag böse angebellt hatte, ich darüber recht erschrocken war, blieb ich vorsichtshalber einfach stehen. Da sprach sie mich an.
„Wenn ich den Hund nicht hätte, ginge ich nicht raus“, gestand sie und lächelte sanft.
Der Spaniel hatte mich nun ausreichend beäugt, kam näher und schnupperte an meiner Hand. Nix Gebell und Gewuffe! Seine Augen schauten neugierig. Und da traute ich mich auch, ihn zu streicheln.
„Ich habe zwar keinen Hund, aber ich muss immer raus und mich bewegen“, antwortete ich.
„Ja“, meinte sie, „aber ich bin 87 und würde bei so einem Wetter lieber daheim sein.“
Kann ich verstehen, erwiderte ich, aber sich draußen zu bewegen ist in jedem Alter wichtig. Sie nickte.
Obwohl ich das Gefühl hatte, sie wollte sich noch weiter unterhalten, zog es mich fort. Sicher begegne ich ihr wieder, und darauf freue ich mich.
Ich genoss nicht nur die Bewegung und die frische Luft, sondern auch die Begegnungen mit weiteren Menschen. Sie lächelten, lachten, wir hatten kurze Dialoge. Und jedes Wort, jeder freundliche Blick machten mich glücklicher. Das erzeugt eine so tiefe Dankbarkeit, eine Zufriedenheit, die mich die Liebe zu meinem Leben täglich spüren und erneuern lässt.

(M)ein warmes Zuhause

Wieder daheim, ich war gut eine Stunde unterwegs, empfing mich meine Wohnung mit Wärme und Behaglichkeit. „Was für ein schönes Zuhause“, sagte ich laut zu Bob und Billy. Mein Blick wanderte über die schöne Einrichtung wieder hinaus aus den großen Fenstern in den Garten. Hier ist Frieden. Hier ist Glück.

Wieder durchzog Kaffeeduft den Raum. Ein Stück frischer Apfelkuchen mit Sahne, eine kuschlige Decke, zwei Kerzen … mittendrin in diesem Frieden: ganz behaglich ich.

Um 17 Uhr war es dunkel, ich zündete weitere Kerzen an, schaltete das Licht aus. Ruhe senkte sich über alles. Und das liebe ich an dieser Jahreszeit. Wenn die Natur „schlafen“ geht und Kraft sammelt für den noch fernen Frühling, ist es auch für mich immer an der Zeit, mich zurückzunehmen. Innerlich werde ich ganz ruhig, ganz entspannt.
Während die meisten Menschen einmal oder auch mehrmals im Jahr verreisen „müssen“, um sich eine verdiente Erholungspause zu gönnen, arbeite ich das ganze Jahr über; oft 7 Tage die Woche. Ich lebe, denke ich, mehr im Einklang mit der Natur. Wenn der Herbst zu Ende geht und der Winter an die Türe klopft, ist für mich die Zeit gekommen, mich zu erholen. So lege ich dann eine längere Pause ein.
Mir scheint es erholsam, keine Koffer zu packen, Flug- oder Bahntickets zu buchen, rechtzeitig an einem Flughafen/Bahnhof zu sein, mich am Zielort … undsoweiterundsoweiterundsofort … nein, ich lebe, wo ich auch Ferien machen würde. Hier finde ich Wald, ein Naturschutzgebiet, Seen, weite Feldlandschaften, wenn ich will auch das Meer. Es ist so nah, dass ich einen ganzen Tag dort verbringen kann, wann immer ich will.

Mein Leben ist verflixt schön

Vielleicht ist es, wie so oft, einfach eine Sache der Perspektive?
Vielleicht ist es, wie bei dem Glas, das halb gefüllt oder halb geleert gesehen werden kann?
Vielleicht ist es Zweckoptimismus? Man hat mir das schon oft unterstellt.
Letztlich kann man es nennen wie man will. Ich möchte das einfach nicht analysieren. Es genügt mir, dass ich mich wohl, gesund und vor allem zufrieden fühle. Damit bin ich, wie ich meine, mehr als reich beschenkt. Und fühle ich mich anders, denn auch das kann vorkommen, dann akzeptiere ich das. Wir bewegen uns eben nicht immer im Aufwind. Manchmal weht ja gar kein Wind.
Vielleicht ist es eine grundsätzliche Akzeptanz des Seins und von allem, was dazugehört?

Die Fotos stammen aus meiner eigenen Galerie und vom Vortag, also dem 5. Dezember 2020.

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